Neubau Rader Hochbrücke: Waldameisen müssen umziehen – damit die A7 bei Rendsburg breiter werden kann.
Von Frank Höfer | 20.03.2026, 06:29 Uhr | sh:z Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag GmbH & Co. KG






Für den Ausbau der A7 auf sechs Spuren bei Rendsburg wurde am Donnerstag, 19. März, ein streng geschütztes Waldameisennest umgesiedelt. Naturschützer brachten Millionen Tiere nur 30 Meter weiter. So lief die Rettungsaktion.
Ronald Wischmann ist heute Umzugshelfer. Anstelle von Kartons hat der 60-Jährige ein gutes Dutzend Maurerkübel mitgebracht. Und zwei Kollegen, einen Minibagger, einen Hund als Aufpasser und eine Forke. Mit ihr sticht Wischmann, seines Zeichens Vorsitzender der Ameisenschutzwarte Nord, am Donnerstag, 19. März, in den etwa kniehohen Hügel vor ihm.
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Wischmann geht behutsam vor. Vor ihm im Waldboden steckt schließlich millionenfaches Leben. „Wir siedeln ein besonders geschütztes Nest der Kahlrückigen Waldameise um“, erklärt der Naturschützer. Vorsichtig hebt Wischmann den ersten wimmelnden Klumpen in das schwarze Behältnis. Einen Steinwurf hinter ihm zieht die Fahrzeugkolonne der A7 vorbei, um Wischmann herum herrscht das große Krabbeln. Am Boden, am Werkzeug, an der Kleidung, an Schuhen – überall sind Ameisen.
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Portionsweise wird das Nest in den angrenzenden Wald gebracht. Er gehört der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Hohenwestedt. „Sie hat uns erlaubt, dass das Nest dort abgelegt wird“, sagt Ulf Evert, Sprecher der Deges. Die Projektgesellschaft gab den Neubau der sechsspurigen Rader Hochbrücke in Auftrag. Damit einher geht die Verbreiterung der Autobahn von vier auf sechs Spuren.
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Der geschützte Hügel steht der Verbreiterung zwischen dem Kreuz Rendsburg und der Anschlussstelle Rendsburg/Büdelsdorf im Weg. Damit die Firma Bunte den sogenannten Streckenbau fortsetzen kann, sorgen Wischmann und seine Kollegen für freie Bahn.
Ein Hügel liegt knapp außerhalb des Ausbaubereichs – er darf bleiben
Ein paar Bäume durften zuvor gefällt werden, zwei Ameisenhügel blieben unangetastet. Der eine befindet sich knapp außerhalb des Ausbaubereichs und darf bleiben, wo er ist. Damit ihn die Bauarbeiter nicht versehentlich beschädigen oder dem Erdboden gleichmachen, wurde das Nest mit Flatterband eingegrenzt.
Der Minibagger kommt nur zum Einsatz, um einen Graben neben dem Ameisenhügel auszuheben. So können die Umzugshelfer sehen, wie breit sich das Nest unter der Erde ausgedehnt hat. Foto: Frank Höfer
Die zweite Kolonie wird umgebettet, damit sie überlebt. Es sei ungewöhnlich groß und stark, erklärt der Experte. 1,5 bis zwei Millionen kleine Tierchen leben darin, darunter Tausende Königinnen.
Ausbau der A7 zwischen dem Kreuz Rendsburg und der Rader Hochbrücke. In diesen Wochen wird die Grundlage gelegt. Foto: Frank Höfer
An der Hose und den Schuhen des 60-Jährigen krabbeln Hunderte Exemplare. Die Kahlrückige Waldameise und ihre Nester sind in Deutschland streng geschützt. Bei einer Umsiedlung geht es immer darum, dass die Population erhalten bleibt. Das klappt nur, wenn auch die Königinnen mit umziehen.
Die Firma Bunte steht für den weiteren Ausbau in den Startlöchern
Aber bleiben die Ameisen ohne Weiteres an einem neuen Flecken Erde, den sie sich nicht selbst ausgesucht haben? Nicht zwingend, so der Ameisenexperte. Normalerweise müsse mindestens ein Kilometer zwischen dem alten und neuen Standort liegen. An der A7 bei Ostenfeld sind es nur 30 Meter. Der innere Kompass würde die Tiere zurück zum Ausgangspunkt führen. Entscheidend ist deshalb, so Wischmann, dass der Boden neben der Autobahn sofort verdichtet wird. Die Dynamik der Baustelle wird zum Vorteil. Am Donnerstag stand die Firma Bunte in den Startlöchern, sie wollte den Ausbau der A7 am Autobahnkreuz umgehend fortsetzen. Der lange, harte Winter hat bereits viel Zeit gekostet.
Die Kahlrückige Waldameise ist in Deutschland streng geschützt. Eine Arbeiterin ist zwischen vier und 8,5 Millimeter groß (Foto), Königinnen erreichen neun bis elf Millimeter. Foto: Frank Höfer
Kleine Tiere, große Vorsicht: Beim Umbetten komme es auf „so viel Feingefühl wie möglich“ an, erklärt Helferin Susanna Jakob. Sie und ihre Kollegen gehen möglichst per Hand und mit kleinen Schaufeln vor, um die Ameisen nicht zu stören. Der Minibagger wird nur genutzt, um einen Graben für die Erkundung des Erdreichs zu schaufeln. So können die Experten herausfinden, wie weit sich das Nest ausgebreitet hat.
Die Nester in Autobahnnähe wurden mit Flatterband eingegrenzt, damit sie nicht versehentlich beschädigt werden. Foto: Frank Höfer
Beobachtet wird der tierische Umzug von einer Instanz, die dafür bezahlt wird, dass auf der Großbaustelle Rader Hochbrücke der Naturschutz nicht unter die Räder kommt. Ein Vertreter war bei der Umsiedlung vor Ort. „Die Ameisen bauen ihre Nester in der Regel auf Baumstümpfen und nutzen das gesamte Wurzelwerk“, weiß Jonas Rusak, Zoologe vom Lübecker Planungsbüro TGP, das beim Neubau der Rader Hochbrücke mit der sogenannten Umweltbaubegleitung beauftragt wurde. Auch bei der Suche nach einem geeigneten Ersatzstandort half Rusak mit. Am Ende des Tages hatten Millionen Ameisen ein neues Zuhause. Ihr alter Wohnort weicht der Einfädelungsspur von der A210 auf die A7.
Umsiedlung an der A7: Der Ameisenhaufen lag im Kurvenbereich zwischen der A210 und A7. Foto: Marie Gloe
TEASER-FOTO: Frank Höfer